Autona Magazine

Autona-cover-321x450LEE AARON – Was macht eigentlich die Metal Queen
Oktober 2006
English Translation

Metal Queen – so der Name ihres zweiten Albums und anschließend ihr eigener Spitzname in der Presse. So gesehen war der Albumtitel ein Geniestreich eines modernen Marketings. Anschließend folgten mit “Call of the wild” und “Lee Aaron” ab 1985 ihre Erfolgsalben schlechthin. Songs wie “Rock me all over” und die Ballden “Barely hold it on” sowie “Only human” katapultierten die Kanadierin nach oben und die Majorpresse liebte sie. Dann folgten die Alben “Bodyrock” und “Some girls do”. Nachdem sich die Hauptwelle des Hard Rocks ihrem Ende entgegen neigte, veröffentlichte sie noch “Emotional rain” und das Grunge angehauchte Album “Lee Aaron and 2 Precious” – und dann verschwand sie vorerst von der Bildfläche. Vor etwa einem Jahr erschien dann plötzlich die DVD “Live in London”, eine Live-DVD der “Call of the wild”-Epoche, Grund genug, um sich danach zu erkundigen, was Lee in der Zwischenzeit gemacht hat. Und bei einem genaueren Blick auf die Website fällt sofort auf, dass Lee selbst mit dieser Zeit nicht mehr wirklich viel zu tun hat. Im Gegenteil: Nach ihrem kontroversen Grunge-Album widmete sich die Kanadierin ihrer Liebe zum Jazz, experimentierte herum und veröffentlichte die jazzigen Alben “Slick chick” und “Beautiful things”. Hinzu kommt das Familienleben als junge Mutter von 2 Kindern.

Dennis Rowehl im Interview mit der weiblichen Metal-Ikone aus den 80ern:

D.R.: Vor etwa einem Jahr ist die DVD “Live in London” erschienen. Wie ist es, wenn man sich selbst in der Vergangenheit rocken sieht. Wie denkst Du über diese Zeit?

Lee Aaron: Es war die beste Zeit meines Lebens. Ich hatte ‘ne Menge Spaß und habe viel gelernt. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Zeit. Im Übrigen habe ich eine brandneue Show gespielt, bei der ich die Rocksongs von damals mit den neuen jazzigen Songs der letzen beiden Alben kombiniert habe. Diese Kombination war für das Publikum erst sehr verwirrend, aber die Resonanz war großartig. Es macht Spaß zu experimentieren und das wird von den Fans auch honoriert. Für viele Fans ist es schön, wenn sie die alten Klassiker hören, auf der anderen Seite kommt meine Stimme besonders gut bei den ruhigen und bluesigen Songs zur Geltung, denn man kann einfach viel mehr Herzblut und Leidenschaft mit einfließen lassen.

D.R.: Vom Hard Rock zum Jazz, das ist nicht unbedingt üblich. Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

L.A.: Ich habe schon immer Jazz und Blues geliebt. Bereits in meiner Kindheit. Irgendwann kam für mich die Zeit der Veränderungen. Mitte der 90er ließ das Interesse an Hard Rock allmählich nach und da musste man sich umorientieren. Nach dem “2 precious”-Album habe ich mich dazu entschlossen, erst einmal eine Pause zu machen. Ich beschloss, einfach mal etwas völlig Unterschiedliches auszuprobieren und habe mich dann meiner Liebe zum Jazz gewidmet und bin mit den Songs aufgetreten. Die positive Resonanz hat mich dazu ermutigt, ein komplettes Album aufzunehmen und so entstand “Slick chick”.

D.R.: Gibt es einen wesentlichen Unterschied, ob Du mit Jazz- oder Rocksongs auftrittst, abgesehen von der Musik selbst?

L.A.: Beim Jazz weiß man nie, was einen erwartet. Wenn z.B. ein Musiker beschließt, sein Solo einfach spontan zu verlängern, dann ist das eben so und die anderen müssen sich flexibel darauf einstellen, sodass ein Konzert niemals dem anderen gleicht. Das ist immer eine besondere Herausforderung für jeden und macht den Reiz aus.

D.R.: Arbeitest Du zur Zeit an einem neuen Album?

L.A.: Ja, ich bin dabei, neues Material zu kombinieren. Allerdings bleibt mir im Augenblick nicht so viel Zeit, da ich zwei kleine Kinder habe. Ich habe 20 Jahre stetig an meiner Karriere gearbeitet und nun steht natürlich meine Familie im Vordergrund. Das ist ein neues, aber sehr schönes Gefühl. Dennoch wird es natürlich ein weiteres Album geben. Diesmal werde ich alle Songs alleine schreiben und alles selbst in meinem Studio produzieren. Das ist mir in meiner Entwicklung sehr wichtig. Es wird musikalisch vermutlich in die Richtung Pop-Jazz gehen. Wir werden sehen.

D.R.: Machst Du abgesehen von Deiner eigenen Musik noch andere Projekte? Produzierst Du zum Beispiel andere Bands oder so?

L.A.: Eigentlich bin ich auch so schon gut ausgelastet. Ich spiele 10-15 Shows, größere Shows, und arbeite – wie gesagt – an einem neuen Album, das ich vielleicht auf meinem eigenen Label veröffentlichen werde. Ich bin häufiger geragt worden, ob ich nicht Lust hätte, andere Bands oder Künstler zu produzieren, aber dazu bin ich im Augenblick noch nicht bereit.

D.R.: Was sind Deine eigenen Lieblingsalben?

L.A.: Das ist eine sehr schwere Frage. Wenn ich so recht überlege, sind es erstens “Bodyrock”, weil wir sie mit einem sehr kleien Budget eingespielt haben und darauf geachtet haben, dass es so klingt, wie wir es wollten. Zweitens gefällt mir “Beautiful things” sehr gut, aber das ist wohl normal, wenn man sagt, einem gefalle die neuste Scheibe am besten, denn sie spiegelt schließlich die musikalische Entwicklung wider und es würde nicht für mich sprechen, wenn ich ausschließlich die alten Sachen mögen würde. Welche Scheiben gefallen Dir am besten?

D.R.: “Call of the wild” ist mein Fave, weil sie sehr viele wirklich rockige Songs enthält. Dieses Album habe ich auch am häufigsten gehört. Sehr interessant fand ich die Imagewandlung von “Call of the Wild” zu “Lee Aaron”, denn Du siehst auf dem Cover aus wie ein Modell in einer Werbung für Haarspray.

L.A.: (lacht) Das ist richtig. Wir haben da gerade einen Majordeal unterschrieben. Einerseits natürlich großartig, andererseits muss man auch eine Menge Kompromisse eingehen. Es ist ja so: Jemand investiert viel Geld in Dich und erwartet entsprechend eine Gegenleistung. Also macht man bzw. muss man viele Sachen machen, die man so nicht geplant hatte. So wurden die Fotos von einem bekannten Modefotographen geschossen und es fand ein kompletter Imagewechsel statt. Auch der Sound wurde glatter und poppiger. Das ist die Kehrseite der Medaillie, die Abhängigkeit von den Majors. Durch das Internet hat man jetzt natürlich ganz andere Möglichkeiten , sich selbst zu vermarkten und sich nicht anderen gegenüber rechtfertigen zu müssen.

D.R.: Dafür gibt es allerdings auch eine Unmenge an Bands, auf die man erst einmal aufmerksam werden muss – und da ist es sicherlich schwierig, auch wirklich Gehör zu verschaffen und Geld zu verdienen?!

L.A.: Das stimmt sicherlich. Besonders für unbekannte Newcomerbands. Wenn man allerdings schon einen bekannten Namen hat, wird die Sache natürlich einfacher. Die Lute schauen auf Deiner Homepage vorbei und schauen, ob es etwas Neues gibt.

D.R.: Wenn wir schon bei der Homepage sind. Auf Deiner Seite sind ausschließlich aktuelle Fotos und keine Fotos der einzelnen Abschnitte Deiner Karriere.

L.A.: Das ist richtig. Meine Vergangenheit kennt man, ich will den aktuellen Stand darstellen. Das, was ich jetzt mache und was mich jetzt als Künstlerin ausmacht. Mir ist es wichtig, dass der Focus auf die aktuellen Projekte gesetzt wird. Es gibt neben meiner offiziellen Homepage (www.leeaaron.com) aber auch noch eine inoffizielle Website (www.leeaaron.net), auf der man eine Menge alter Bilder finden kann. Ich habe mit dieser Seite nichts zu tun, finde sie aber in Ordnung.

D.R.: Viele Rockstars aus den 80ern haben eine Biographie geschrieben, wie zuletzt Mötley Crüe. Denkst Du auch über ein derartiges Projekt nach?

L.A.: Das ist lustig, dass Du das erwähnst. Ich schreibe tatsächlich an meinen Memoiren und bin etwa in der Mitte angelangt. Das ist dann meine unzensierte Version der Dinge mit allen Kuriositäten, die mir passiert sind und wie ich sie gesehen habe. Es ist allerdings schwierig, immer die Ruhe zu finden, wenn man Mutter von zwei kleinen Kindern ist. (lacht)

D.R.: Wann könnte sie denn veröffentlicht werden?

L.A.: Ich denke, Ende 2007 oder 2008 werde ich das nächste Album veröffentlichen. Es wäre natürlich schön, wenn man die Biographie zeitgleich herausbringen könnte.

D.R.: Ist es nicht schwierig, Kinder und eine Tournee unter einen Hut zu bringen?

L.A.: Alles ist möglich. Mein Mann ist selbst Musiker (Drummer) und wir haben uns schon Gedanken darüber gemacht. Es wäre bestimmt eine schöne Erfahrung, wenn die Kinder bereits in ihren ersten Jahren so viele Eindrücke mitbekommen.

D.R.: Dann werden sie mit Sicherheit auch Musiker.

L.A.: Sie wachsen so oder so mit einem großen musikalischen Background auf. Mein Mann ist auch Musikwissenschaftler und Redakteur. Wir haben etwa 75.000 Platten zuhause und weitere 10.000 CDs, eine echte Musikbibliothek. Mein Kleinster ist 9 Monate alt und hält die Drumsticks schon richtig in der Hand und will sie auch nicht mehr hergeben.

D.R.: Gibt es sonst noch Projekte nicht-musikalischen Ursprungs, an denen Du arbeitest?

L.A.: Ich bin noch an lokalen Charity-Projekten beteiligt, bei denen es z.B. um die Förderung kinderreicher Mütter geht, da sie nicht unbedingt in den besten Umständen leben. Soziales Engagement also.

D.R.: Demnach ist es für Dich wichtig, dass sich insbesondere berühmte Menschen für die Gesellschaft bzw. die Mitmenschen einsetzen?

L.A.: Auf jeden Fall. Und damit meine ich nicht nur öffentliche Projekte, sondern auch die anonymen, bei denen der eigene Name nicht in Erscheinung tritt. Einerseits haben berühmte Personen natürlich eine Vorbildfunktion in der Öffentlichkeit, aber es geht grundsätzlich darum, etwas zurückzugeben. Wenn man mit einem Superleben gesegnet ist, hat man meiner Ansicht nach auch die gesellschaftliche und moralische Verantwortung, etwas den Leuten zurückzugeben, denen man sein tolles Leben zu verdanken hat.

D.R.: Wenn Du an Deutschland denkst. Gibt es irgendetwas, dass Du vermisst?

L.A.: Ja, das deutsche Bier. Unser Bier hier ist nicht so besonders. ich habe gerne Weizenbier – oder wie heißt es noch? Hefeweizen – getrunken. Außerdem haben mich die Fans in Deutschland immer sehr respektvoll behandelt. In den USA war es eher so nach dem Motto “Das ist ja ‘ne Frau, was hat die mit Hard Rock zu tun. Das geht doch nicht”. In Deutschland wurde man auch als Künstlerin ernst genommen. Das hat mir sehr gut gefallen. Ich war schon lange nicht mehr in Deutschland, da es auch immer sehr teuer ist, eine komplette Band mitzubringen. Aber ich hoffe sehr, endlich wieder dort zu spielen.

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